Liebe Nutzerinnen und Nutzer von „direktzu Jürgen Nimptsch“,

vielen Dank für die rege Beteiligung auf diesem Portal in den vergangenen Jahren. Die Stadt Bonn wird in Kürze eine eigene Bürgerbeteiligungsplattform einrichten, auf der Sie dann eine vergleichbare Möglichkeit haben werden, Fragen an den Oberbürgermeister zu richten. Das Portal „direktzu Jürgen Nimptsch“ wurde Anfang November 2014 geschlossen. Ich freue mich ab dem 07. Januar 2015 auf Ihren Besuch bei „Frag den OB“ unter www.bonn.de.

Herzliche Grüße

Jürgen Nimptsch

Beantwortet
Autor Hanno Friedrich am 18. Januar 2011
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Bildung und Kultur

Ist Kulturabbau eine Lösung?

Sehr geehrter Herr Nimptsch,

mit großem Schrecken erkenne ich bei den bisherigen Beiträgen zur Debatte, ob dem Theater Bonn die Zuschüsse gekürzt werden sollten, die Tendenz, Theaterbesucher als hochnäsige Elite und Theaterschaffende als Steuerschmarotzer zu brandmarken. Diese Denkweise sollte eine tolerante Stadt, welche sich 'Joie' als Motto ausgesucht hat, aus tiefstem Herzen ablehnen.

Theatererlebnisse sind nicht gebunden an soziale Schichten. Theaterbesuche, ob vereinzelt, per Abo oder mit der Schule, sind durch ihre Unmittelbarkeit, durch das Liveerlebnis, durch das vielleicht Schrille oder Misstönige Garanten für Diskussionen, für die Auseinandersetzung mit anderen Denkweisen und deshalb von unschätzbarem Wert für das soziale Klima einer Stadt. Ein Konzert- oder Kinobesuch kann die Gemüter nicht so erhitzen, wie die Neuinterpretation eines Klassikers auf der Theaterbühne, nach welchem sich möglicherweise die Generationen streiten, was 'erlaubt ist' und was 'man muss'. Nach Theaterbesuchen entstehen Gespräche über Toleranz und Ethik, über Moral und sittliches Veständnis. Eine Gesellschaft, die zunehmend halbanonym digital kommuniziert und sich in die Selbstentblößung in sozialen Netzwerken zurückzieht, kann davon nur profitieren.

Es ist sicherlich korrekt, dass nur ein Drittel der Stadtbevölkerung das Angebot des Theaters wahrnehmen, doch wenn man den Bürgern die Möglichkeit eines an- und aufregenden Theaterbesuchs in der eigenen Stadt verwehrt, verarmt die gesamte Gesellschaft geistig und verlumpt. Das Institut de la Communication d'Avignon resümmiert, dass Kunst dazu verführt, dass der Geist sich öffnet. Und wenn sich das Denken, der Geist öffnet, muss naturgemäß der Geist tolerant sein (Süddeutsche Zeitung 28./29.7.1990).

Die verbitterten Polemiken in diesem Forum, die Sie dazu anhalten, die Oper dicht zu machen, weil sie keine Relevanz habe, sind, wenn man genau liest, nichts anderes als enttäuschte Reaktionen darauf, dass dieser Theaterbetrieb nicht den eigenen "Geschmack" bedient. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn der Vorwurf einer nischenhaften Elitevergnügung wird aus der unsachlichen Warte einer elitären und egozentrischen Denkweise geäußert.

Noch einmal: ein Stadttheater garantiert gesellschaftliche Diskussionskultur, garantiert die Verbesserung von Toleranz und Miteinander, garantiert die Chance kultureller Bildung in allen gesellschaftlichen Schichten. Eine Bundesstadt, die sich 'UN-Stadt am Rhein' nennt, in der Global Player wie die Post, Telekom, Solarworld, fairtrade, Haribo und die Deutsche Welle ihren Sitz haben, kann nie zu viel Kultur haben. Die Abwicklung des Stadttheaters wäre eine empfindliche Amputation, die dem Standort Bonn ein großes Maß seiner Attraktivität abschneiden würde.

Ist Kulturabbau eine Lösung?

Mit herzlichem Gruß,
Hanno Friedrich
-freier Schauspieler-

+48

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Antwort
von Jürgen Nimptsch am 24. März 2011
Jürgen Nimptsch

Sehr geehrter Herr Friedrich,

vielen Dank für Ihre Anfrage. Ihre Aussagen zum Theater und zu seinen Aufgaben teile ich grundsätzlich. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch klarstellen: Es gibt in Bonn keine Überlegungen und erst Recht keine Beschlüsse, die auf eine - wie Sie es nennen - "Abwicklung" des Theaters hinaus laufen.

Richtig ist vielmehr, dass die Bonnerinnen und Bonner im Rahmen der Bürgerbeteiligung "Bonn packts an" ein Votum zu den freiwilligen Leistungen der Stadt Bonn - und dazu gehört auch die Förderung von Kultureinrichtungen - abgeben konnten. Von dieser Möglichkeit haben die Bürgerinnen und Bürger regen Gebrauch gemacht und je nach Standpunkt eine persönliche Bewertung vorgenommen. Die Auswertungsergebnisse werden im anstehenden Ausschuss für Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger und Lokale Agenda am 31. März 2011 und anschließend in den Fachausschüssen beraten.

Nach den bisherigen Planungen sollen die städtischen Zuschüsse für den gesamten Kulturbereich von 56,7 Mio. EUR in 2010 voraussichtlich auf rund 59 Mio. Euro in 2011 und rund 58 Mio. Euro in 2012 erhöht werden. Vor dem Hintergrund unserer immer bedrohlicher werdenden Finanzsituation, können wir dieses hohe Niveau jedoch nicht auf Dauer beibehalten. Wir müssen in jedem Einzelfall prüfen, welche freiwilligen Leistungen sich die Stadt in welchem Umfang noch leisten will und vor allem, welche sie sich noch leisten kann. Ich spreche mich allerdings dafür aus, auch 2014 und 2015 noch mindestens 55 Mio. Euro für den gesamten Kulturbereich vorzuhalten.

Vor diesem Hintergrund hat der Rat die Verwaltung im Jahr 2010 beauftragt, ein Gesamtkonzept für den Kulturstandort Bonn zu erarbeiten. Unser Ziel ist es ein in Vielfalt und Qualität attraktives Kulturangebot in Bonn und der Region zu erhalten und dieses auch zukunftsfähig zu machen und finanziell langfristig abzusichern.

Mit freundlichen Grüßen